Mexiko – Backpacking durch Chiapas & Couchsurfing in Mérida

Ich stelle mir einen älteren, schäbigen Bus vor und dass wir den Fahrpreis mit dem Chauffeur verhandeln werden. Tatsächlich erwartet uns ein ultramoderner Busbahnhof mit Wifi und USB-Plugins. Nicht etwa beim Chauffeur, sondern am offiziellen Schalter kaufen wir ein Ticket für den Nachtbus von Mérida nach Palenque und während der gut 500 Kilometer langen Fahrt geniessen wir komfortable Liege-Sitze. Mexiko überrascht uns einmal mehr.

Da der Reisebus schon um Sechs in Palenque ankommt, beschliessen wir die Maya-Ruinen noch am selben Morgen zu besuchen. Im dichten Urwald sind aus der Ferne Brüllaffen zu hören. Die Treppenstufen hoch zu den Pyramiden sind in der feuchtheissen Luft ganz schön schweisstreibend. Von 615 bis 683 war Palenque König Pakals Reich. Pakal starb im damals unglaublich hohen Alter von 80 Jahren und wurde im Tempel der Inschriften begraben. 1952 wurde das Grab mit der Totenmaske aus Jademosaik, dem Skelett voller Edelsteine und anderen Grabbeigaben entdeckt. Es war einer der grössten archäologischen Maya-Funde der Geschichte.

Als Palenque Anfang des 10. Jahrhunderts unterging, wurde die Stadt dem Dschungel überlassen. Heute sind die Haupttempel der Anlage ausgegraben und restauriert, doch viele Steine liegen noch im Urwald begraben.

Die Skulpturen, Glyphen und Flachreliefs im Museum beeindrucken uns. Sie erzählen viel über das Leben und die Taten der alten Mayas. Das Eindrücklichste ist die Nachbildung in Echtgrösse des mit Gravuren verzierten Sarkophargs des mächtigen Herrschers Pakal.

Der Pool bei den Cabañas Kin Balam sorgt am Nachmittag für die ersehnte Abkühlung.

Die nächste Nacht verbringen wir wieder im Reisebus. Wir bleiben in der südlichen Provinz Chiapas, verlassen aber das tropische Flachland und fahren in die Berge nach San Cristóbal de las Casas.

Nach dem heissen Wetter der letzten Wochen erwartet uns eine ungewohnt kühle Luft. Die Höhe von 2100 Meter über Meer ist deutlich spürbar. Nach einer wärmenden Tasse Kaffee geht’s ins Rossco Backpackers Hostel, eine Art Jugendherberge mit grünem Innenhof.

Nach zwei Nächten sind die Etagenbetten im 10er-Schlafsaal ausgebucht. Also ziehen wir in ein französisches Bed- und Brackfast um. Auch hier gibt es keine Betten mehr im Dorm, dafür ein günstiges Doppelzimmer mit Gemeinschaftsbad.

San Cris, die Kurzform von San Cristóbal de las Casas, ist ein charmantes Kolonialstädtchen. Viele herzige Cafes und Bars, einstöckige, bunte Häuser und lebhafte Fussgängerzonen verleihen dem Ort eine gemütliche und entspannte Atmosphäre.

In den schmalen Gassen tummelt sich ein ganz witziger Mix aus Menschen aus aller Welt. Nebst der indigenen Bevölkerung ist alles von Hippies über Aussteiger zu Luxusreisenden, Backpackern und Auswanderern, Strassenkünstlern und –verkäufern anzutreffen. Entsprechend vielfältig ist auch das kulinarische Angebot. Nebst der mexikanischen Küche gibt es vegane Restaurants, ein libanesischer Falafel-Stand, französische Bäckereien und sogar eine holländische Pommesbude 😉

Wobei der meist gut betuchte Tourist auf die Ärmsten im Land trifft. In Mexiko soll es die extremsten Einkommensunterschiede von ganz Lateinamerika geben. Hier in Chiapas sind die Nachkommen der alten Maya oft von Armut betroffen. Die indigenen Frauen mit ihren Kindern schleppen von morgens früh bis abends spät Schals, Ponchos und bestickte Blusen durch die Strassen. Junge Mädchen verkaufen selbstgemachte Herzen und die Jungs putzen Schuhe. Dass die Kinder hier blos fünf Jahre zur Schule gehen und so früh arbeiten müssen, bedrückt uns sehr. Doch die jungen Mütter machen uns auch grossen Eindruck. Sie strahlen eine solch grosse Ruhe aus, sodass ihre Kinder, die sie immer bei sich haben, ganz ausgeglichen und geborgen scheinen und kaum quengeln oder weinen.

Die Folgen des grossen Erdbebens vom 8. September 2017 an der Küste von Chiapas sind auch in San Cris zu sehen, wobei vor allem Kirchen und Amtsgebäude abgesperrt und eingerüstet sind. So findet der Gottesdienst momentan unter einem Festzelt auf dem Platz vor der Kathedrale statt.

Während es an manchen Tagen dank Sonnenschein angenehm warm ist, ists an anderen ganz schön regnerisch und windig. Gegen die kühlen Temperaturen hilft Tee trinken und für Vitame sorgen leckere, frisch gepresste Orangensäfte am Strassenrand. Am Markt gibt es zudem herrliche Früchte, viel Gemüse, Kräuter und Chilis und natürlich Taco-Stände. Auch der liebevolle und bunte Kunsthandwerks-Markt gefällt uns sehr.

Wir treffen die Weltreisenden Fabiola und Sebastian wieder, die wir im Hostel in Mérida kennengelernt haben. Zusammen verbringen wir gemütliche Tage, besuchen das Maya-Natur-Medizin-Museum und eine tolle Wein- und Tapas-Bar.

Da das trübe Wetter anhält, besuchen wir noch in ein paar weitere Museen. Im Museo del Ámbar dreht sich alles um Bernstein, den es im Bundesstaat Chiapas preiswert zu kaufen gibt.

Nebst Bernstein gibt es in Chiapas reichlich Jade, von hell bis dunkel grün. Im Museumspreis inbegriffen ist zudem das Cacao-Museum.

Zu guter Letzt darf das Museum Na Bolom nicht fehlen, das Haus der Schweizerin Gertrude Duby-Blom und ihres dänischen Ehemanns Frans Blom. 1901 im Berner Oberland geboren, fochte Gertrud „Trudi“ Lörtscher für Frieden und Gerechtigkeit und engagierte sich in der Widerstandsbewegung gegen Nazi-Deutschland. Nach einer Internerierung in Frankreich, wanderte sie nach Mexiko aus und verbrachte mehr als die Hälfte ihres Lebens in San Cristóbal. Als Journalistin, Fotografin, Sozialistin und Umweltschützerin dokumentierte Trudi mit ihrem Mann die Mayakulturen von Chiapas und setzte sich besonders für den Stamm der Lacandonen ein. Ein Volk, dass sich jahrhundertelang der Zivilisation fernhalten konnte, dessen Lebensgrundlage durch die Abholzung der Tropenwälder aber stark gefährdet ist. 1993 starb Trudi Blom, doch ihr Lebenswerk lebt als Museum und Studienzentrum weiter.

Nebst all den Museen nehmen wir an einer super interessanten Free-Walking-Tour teil, bei der wir wieder andere Rucksack-Reisende kennenlernen.

Zusammen mit der Belgierin Laura, die wir ebenfalls in Mérida kennengelernt haben, buchen wir eine Tour zu den benachbarten Indígena-Dörfern San Juan Chamula und Zinacantán. Die Einwohner dieser Dörfer sind stark autonomiebestrebte Tzotzil-Maya, die bis heute ihre ganz eigenen Bräuche und Glaubensvorstellungen leben. Auf dem Friedhof in Chamula zeigt sich der bescheidene Wohlstand der Menschen in der Einfachheit der Bestattung. Die Farbe der Holzkreuze steht für das Alter der Verstorbenen – Schwarz für über 50-Jährige, Grün für unter 50-Jährige und Weiss für Kinder. Bei den Familiengräbern sind mehrere Kreuze hintereinander aufgereiht. Die dahinterliegende Kirche ist eine Ruine und wird von den Tzotzil für Rituale verwendet.

Die meisten Dorfbewohner leben in einfachen Behausungen, vom Verkauf von Kunsthandwerk oder der Landwirtschaft. Einige haben das Glück, Familienmitglieder im Ausland, meist in den USA, zu haben, die ihnen Geld schicken.

Die Dorfkirche San Juan Bautista sieht von aussen wie eine normale, katholische Kirche aus. Ein Blick ins Innere verrät aber anderes, wobei das Fotografieren streng verboten ist. Anstelle von Sitzbänken ist der Boden mit Kiefernadeln bedeckt. Menschen hocken und knien in Gruppen am Boden. Von der Decke hängen bunte Tücher als Symbol, dass wir uns insgeheim in einem Tempel und nicht in einer Kirche aufhalten. Medizinmänner und -frauen murmeln Gebete. Vorsichtig schleichen wir zwischen den Betenden umher. Der Geruch von Weihrauch und Kopal hängt in der Luft und Hunderte Kerzen flackern. Weisse Kerzen sind zum beten, farbige sollen Probleme und Sorgen lindern und dunkle helfen bei ernsthaften Problemen. Bei schwerwiegenden Problemen ist meist noch ein Huhn in einem Sack oder einer Tasche dabei, das während des Rituals geopfert wird. Während des Schamanenrituals wird zudem Posh, hochprozentiger Alkohol, getrunken. Damit die bösen Geister dem Körper entweichen, muss zum Schluss des Rituals gerülpst werden. Früher mithilfe von Cacao, heute mit Coca Cola. Die unglaublich geheimnisvolle Stimmung und die für uns kurligen Rituale beeindrucken uns sehr.

Im Dorf Zinacantán sehen wir uns zwei Kirchen an, wovon eine vom Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Zinacantán ist für die Zucht von Rosen und anderen Blumen sowie für die Herstellung von Textilien bekannt. Jedes Jahr hat die Tracht eine andere Farbe, dieses Jahr ist sie violett. Wir besuchen eine Textil-Frauenkooperative, die ganz ähnlich und genauso farbenfroh ist, wie diejenigen in Guatemala. Wir dürfen die traditionelle Kleidung, die vor allem von den Frauen auch im Alltag getragen wird, anprobieren.

So würde dann also unsere Hochzeit à la Tzotzil-Maya aussehen 😉

Zu guter Letzt dürfen wir Posh, den selbstgebrauten Alkohol aus Mais, degustieren. Er ist dem Schweizer Schnaps sehr ähnlich und schmeckt uns ganz gut. Was für uns das Brot ist, ist für die Mexikaner die Tortilla. Zu fast jedem Gericht werden die runden Fladen gereicht, die traditionell auf dem Comal, einem Blech, über offenem Feuer erwärmt werden.

In Mexiko macht der Tod ein fröhliches Gesicht. Vor dem Tag der Toten, dem Día de los Muertos, sind grinsende Skelette, Totenköpfe und Särge aus Ton, Schokolade oder Zucker überall erhältlich. Makaber? Wahrscheinlich nur in europäischen Augen. Hier hat der Totenkult eine lange Tradition. Die Menschen glauben, dass die Seelen ihrer verstorbenen Angehörigen in der Nacht vom 1. (Allerheiligen) auf den 2. November (Allerseelen) zu Besuch kommen. In den Häusern errichten die Familien Altäre mit Gaben für die Gäste aus dem Jenseits, die freudig erwartet werden. Kerzen und Blumen weisen ihnen dabei den Weg. Lieblingsspeisen, Bier und Tequila, Zigaretten und was der Verstorbene im Leben sonst noch mochte, werden liebevoll um sein Foto angerichtet. Je nach Region sind die Familien zu Hause oder sie verbringen die Nacht auf dem Friedhof, um mit ihren Toten zusammen zu sein.

Die Gräber und Mausoleen auf den Friedhöfen werden liebevoll geputz, geschrubt, frisch gestrichen und mit Blumen dekoriert. Auf dem Friedhof von San Cris beobachten wir schmunzelnd, wie die Familien mit Campingstühlen zwischen den Gräbern picknicken. Wer sichs leisten kann, hat die Blasmusik mit dabei. Ein Friedhof mit Jahrmarkts-Stimmung, wo auch der Zuckerwatten- und Eisverkäufer nicht fehlen darf.

Wir fahren nochmals ins indigene Dorf Chamula, diesmal mit einem Kleinbus. Hier geht es noch traditioneller zu und her. Die Gräber sind anstelle von teuren Blumengestecken mit Kieferkries und orangen Ringelblumen bedeckt. Zum festlichen Anlass tragen die Tzotzil ihre Trachten. Die Schafsfellröcke der Frauen sind schwarz und die Ponchos der Männer weiss.

Mit dem Nachtbus fahren wir die nächsten 18 Stunden zurück nach Mérida. Wir freuen uns auf das Wiedersehen mit Elora. Die Französin, die in Mérida ein Praktikum in einem Architekturbüro macht, haben wir vor ein paar Wochen im Hostel kennengelernt. Zwischenzeitlich ist sie in die Wohnung von Carlos gezogen. Die beiden bieten uns Couchsurfing an, das heisst kostenfrei auf dem Sofa zu schlafen. Da Rudolphs Ersatzteile aus Deutschland noch nicht da sind, sind wir sehr dankbar darüber, nicht nochmals eine Woche Hostelkosten zu haben.

Mérida empfängt uns mit warmen Temperaturen und einem grossen Openair-Konzert anlässlich eines Halbmarathons.

Auch der Holländer Damon, der in einem Freiwilligenprojekt als Sportlehrer arbeitet, sehen wir wieder und dann kommt noch Sarah, eine deutsche Backpackerin, dazu. Zusammen verbringen wir gemütliche Abende.

Ja und dann probieren wir noch die mexikanische Spezialität Chapulines – knusprig geröstete Heuschrecken mit Salz und Limette. Das heisst, wir sind stolz, eine geschafft zu haben 😉

Da schmeckt uns ein Fisch doch besser. Mit Elora und Sarah geniessen wir nochmals einen Tag in Sisal am Meer.

Dann ist es soweit, nach vier Wochen ist Rudolph repariert und wir dürfen ihn endlich wieder abholen!

 

Ein Gedanke zu „Mexiko – Backpacking durch Chiapas & Couchsurfing in Mérida

  1. Hallo käme,ich freuemich riesig wenn aus diesen interessanten Berichten eine Reisedokumentation in Buchform erscheint. Macht weiter so!!!! liebe grüsse Sonja und Hausi

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