Nationalparks, Seen und Vulkane – von El Bolsón durch das Seengebiet Argentiniens und Chiles bis Puerto Montt

Am Mittwoch  11. Mai 2016 reisen wir zum fünften Mal nach Argentinien ein. Wir haben Glück. Noch gleichentags erklärt sich der nette Verkäufer eines kleinen Ladens in Esquel bereit, unsere Schweizer Gasflasche zu befüllen. Esquel ist eine Stadt am Westrand Patagoniens und idealer Ausgangspunkt zur Erkundung des Nationalparks Los Alerces. An einem so nebligen Tag ausserhalb der Saison ist hier nicht viel los. Die Barriere ist geöffnet und der Park eintrittsfrei. Wegen ihres sehr harten und wertvollen Holzes wurden in der Gegend Grossbestände der patagonischen Zypresse Alerce gerodet und damit Tausend Jahre alte Geschichte zerstört. Zum Schutz vor weiterer Rodung wurde das Gebiet 1937 zum Nationalpark erklärt. Die Alerce, welche bis zu 70 Meter hoch werden kann, gewinnt pro Jahr nur etwa einen Millimeter an Durchmesser. Die ältesten im Park haben einen Durchmesser von vier Meter und werden auf unglaubliche 3500 Jahre alt geschätzt. Leider bekommen wir keinen dieser schönen Exemplare zu Gesicht. Dafür wäre eine Schiffstour mit Tageswanderung am anderen Ufer nötig. Die Schiffe liegen im Trocknen, dafür wagt sich Thomas ins kalte Nass. Auf der Schotterpiste fahren wir von Süd nach Nord vorbei an den Seen Futaleufquén, Menéndez und Rivadavia. Wir geniessen ruhige Tage und Nächte in den immergrünen, aber nicht tropischen Wäldern.

Für eine gute Internetverbindung und eine heisse Dusche suchen wir mal wieder auf einen Campingplatz auf. Die Cerveceria El Bolsón ist dafür der perfekte Ort. Nebst leckerem Bier gibt‘s deftige Pizza mit Extra-Queso. Von der Hippie-Kolonie der 60er Jahre ist in der Kleinstadt El Bolsón nicht mehr viel geblieben. Die Alt-Hippies, die hier fern weg von Buenos Aires autostark ein Alternatives Zuhause schufen, sind längst in entlegenere Gegenden umgezogen. Heute leben die Aussteiger, die auf dem Kunsthandwerksmarkt (der Feria Artesanías) Bio-Produkte und Selbstgemachtes anbieten, weitgehend vom Tourismus.

Weiter nordwärts führt uns die Ruta 40 nach San Carlos de Bariloche. Die touristische Hochburg gilt als die Schweiz Argentiniens. Am Ufer des malerischen Gletschersees Nahuel-Huapi gibt es eine Vielzahl von Luxushotels, Schokoladen-Geschäfte und Fondue-Stüblis. Auf dem Hauptplatz können sich Touristen sogar mit einem Bernhardiner, dem nicht mal das Holzfässchen um den Hals fehlt, ablichten lassen. Auf demselben Platz zeugt eine grosse Statue von der traurigen Geschichte der Ureinwohner Patagoniens. Das Perfide: das Denkmal erinnert nicht etwa an die hier lebenden Völker der Mapuche, Pehuelche und Vuriloche, sondern zeigt General Roca auf dem Pferd, den Anführer des Ausrottungskriegs von 1885. Im Sommer wimmelt es hier von Touristen aus aller Welt. Im Winter trifft sich die südamerikanische High Society zum Skifahren. Wir gehen durch die Einkaufspassagen, kosten ein paar Schoggi-Proben, schauen uns die neogotische Kathedrale an und picknicken am Seeufer.

Die Nacht verbringen wir auf dem Parkplatz an der Seepromenade. Typischerweise machen Einheimische sich abends auf ihre „Spazierfahrten“. Es ist Donnerstagnacht und ein Ramba-Zamba von aufheulenden Motoren und lauten Bässen. Gewohnt an verschiedenste nächtliche Geräusche und Umgebungen, macht uns der Lärm nicht sonderlich Mühe. Manchmal sind wir sogar gerne wiedermal im Getümmel. Diese Nacht schrecken wir aber mehrmals auf. Freitagnacht verbringen wir auf dem Hügel oberhalb der Stadt. Nebst einem traumhaften Ausblick gibt’s wieder einen tiefen Schlaf.

006 oberhalb Bariloche

Auf der Landkarte macht uns eine Name 25 Kilometer westlich von Bariloche neugierig: Colonia Suiza. 1899 immigrierten Schweizer Familien aus dem Wallis hierher. Schmunzelnd schlendern wir durch den kleinen Ort. Entdecken Strassennamen wie Bern und Zürich, Schilder und Speisekarten mit Waliser Bier, Fondue und „Goulash con Spätzle“ mit „Papas Rösti“. Wir verbringen zwei Nächte auf dem örtlichen Camping. Bei der Abreise dann die Überraschung: es kostet nichts. Die liebe Wirtin des Platzes meint, wir hätten ja hier am Computer gearbeitet und auf ihr Haus aufgepasst (tatsächlich durften wir Dusche, Küche, Wifi und einen beheizten Raum benutzen). Einmal mehr überrascht uns die südamerikanische Gastfreundschaft!

Entlang der Anden windet sich die Ruta de los Siete Lagos, die tatsächlich an mehr als sieben tiefblauen Seen entlang führt. Der Nationalpark Nahuel-Huapi ist mehr ein Adventur-Paradies als ein Schutzgebiet. Die Gebirgs- und Seenlandschaft wäre bei Sonnenschein aber sicherlich bilderbuchhaft. Heute ist es jedoch trüb und grau. Wir fahren nach San Martín de los Andes. Als wir uns ans Ufer des Lago Lácar stellen, beginnt es zu regnen. Der Regen hält an und so stapfen wir mit Jacke und Schirm durch das Gebirgsstädtchen. Auch hier lebt man vom Tourismus und dem Wintersport. Aufgeräumte Strassen, schmucke Architektur, Luxus-Läden und Sportgeschäfte zieren den Ort.

Weiter nordwärts gelangen wir zum Nationalpark des Vulkans Lanín. Es ist noch immer regnerisch und kalt. Fahrerkabinen-Abende sind besser als jedes Fernsehen. So sitzen wir auch heute am Ufer des Lago Huechulafquén mit einem Teller heissem Nachtessen da, lassen den Tag Revue passieren und schauen ein paar hartgesottenen Männern beim Fliegen-Fischen zu. Der Volcán Lanín soll einer der schönsten Berge sein. Leider versperren uns dicke Wolken die Sicht auf die perfekt geformte 3776 Meter hohe Pyramide mit Zuckerspitze. Wir versuchen es vom Süden her, dann vom Norden – vergeblich. Die Nordstrasse führt uns zurück nach Chile.

Araucanía – der Name dieser chilenischen Provinz tönt für mich wie aus einem Fantasy-Film. Und irgendwie fühle ich mich auch so. Die Luft riecht nach Frühling, frisch und mild. Vögel zwitschern in der herbstlich verfärbten Landschaft und die Sonne lacht. Die Araukarien sind die Wahrzeichen der Region. Majestätische Schmucktannen, die über 1000 Jahre alt werden. Heilige Bäume, deren nahrhafte Zapfen von den Ur-Bewohnern Araukaniens, den Mapuche, noch heute geerntet und am Strassenrand und in den Supermercados verkauft werden. Als wir in den Nationalpark Villarrica kommen, zieren ein paar Wattebäusche den hellblauen Himmel. In Cabargua übernachten wir am Playa Negra.

Auch auf chilenischer Seite gibt es ein Seengebiet, das von besonderer Schönheit sein soll. Wir lassen uns Zeit, fahren nochmals südwärts. Wir kurven auf teils ruppigen Pisten um die Seen, entlang der Flüsse, über grüne Hügel, durch Bergtäler und an Rinder-Weiden vorbei. Die Seen sind Relikte der Eiszeit. Perfekt spiegelt sich die Landschaft in ihrem glasklaren Wasser. Geschmückt wird die Region durch viele Vulkane.

001 am Lago Ranco

In Pucón ist es der Volcán Villarrica, der über der Stadt thront. Wir bummeln durch den Mercado Municipal, wo es wieder tolle Artesanías gibt: Holzspielsachen, Souvenirs in allen Variationen und Socken, Pullover und Ponchos aus bunter Wolle.

Am anderen Ende des Sees liegt Villarrica mit dem nächsten Mercado. Kulinarisch fehlt es uns nach Argentinien auch in Chile an nichts. Heute gönnen wir uns ein gutes Stück Käse. Dazu gibt es ein Salzbrezel aus der deutschen Bäckerei. Im Seengebiet haben sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts viele deutsche Einwanderer niedergelassen. Entsprechend bekommt man hier Kuchen, Strudel, Marmelade und dunkles Brot.

Seit einigen Tagen klappern wir Eisenwarengeschäfte und Garagen ab. Die neue Batterie wurde in Chile Chico leider nicht richtig befüllt. Wir sind also auf der Suche nach Schwefelsäure. „Ácido sulfúrico“ kommt in die Wortschatzkiste. In Villarrica werden wir fündig. Für umgerechnet knapp drei Franken wollen die Garagisten die Batterie aufladen. Als das nichts hilft und wir nach dem Wochenende wieder in der Werkstatt stehen, wird die Batterie schliesslich geleert und neu befüllt. Diesmal für sieben Franken. Das Beste: sie funktioniert seit daher einwandfrei!

Ab Puerto Montt fährt eine zweispurige Autobahn in den Norden Chiles. Die Ruta 5 gehört zur Panamericana, dem Netz aus Strassen, das Feuerland mit Alaska verbinden soll. Wir nehmen die Ruta 5 erstmal noch ein kleines Stück in Richtung Süden. Rudolph fährt dabei seinen stolzen 400‘000en Kilometer. Seit Montevideo hat unser alter Diesel 14‘440 Kilometer Asphalt, Schotter, Sand und Steine hinter sich gelassen.

Wo es Vulkane gibt, da entspringen heisse Quellen. Im Nationalpark Puyehue gibt es die Aguas Calientes umsonst. Nebst dem offiziellen Thermalbad finden wir im Flussbett eine heisse Quelle – Entspannung pur inmitten des grünen Regenwaldes unter wunderschönem Sternenhimmel!

Nach einer Nacht auf dem Parkplatz des Thermalbades fahren wir die Strasse zum Vulkan Casablanca, wo in ein paar Wochen die Skisaison beginnt. Ein alter Sessellift aus dem österreichischen Vorarlberg führt am Kegel des Vulkans hinauf.

Nächste Station im Nationalpark Puyehue ist die Rancher-Hütte in Anticura. Von da aus geht es auf ein paar kurzen Senderos (Wanderwegen) zu verschiedenen Miradors (Aussichtspunkten) und Saltos (Wasserfällen). Wir geniessen die frische Luft in den Regenwälder und ein Picknick mit Blick auf den Vulkan Puyehue, der letztmals Mitte 2011 ausbrach.

Es ist neblig, als wir am Lago Puyehue in Entre Lagos morgens losfahren. Einmal mehr wurden wir und Rudolph nachts von einem Hund bewacht.

Der Himmel tut sich auf und es verspricht ein sonniger Tag zu werden. Wir wollen zum nächsten See und nächsten Vulkan, dem Osorno. Als wir uns an dessen Kegel die kurvenreiche Strasse entlang einer dicken Schicht Vulkan-Asche und-Gestein hinauf schlängeln, wird es aber immer bewölkter. Oben angekommen gibt es einen Schneemann und eine Chocolate Caliente am Holzofen.

Am Fuss des Vulkans liegt der Nationalpark Vicente Pérez Rosales. Hier machen wir nur einen kleinen Nachmittagsspaziergang zur Lagune Verde. Gleich darauf beginnt es stark zu regnen. Dennoch wollen wir noch ein Stück weiter südwärts. Wir fahren bis ins kleine herzige Ort Cochamó, wo wir uns ans Ufer mit Sicht auf den Meereskanal, den kleinen Leuchtturm und ein paar Fischerboote stellen.

Anderntags fahren wir auf der schmalen Landstrasse weiter durch das bewaldete Tal. Die Spitzen der Berge sind beschneit. Der Winter naht. Erstes Ziel auf dem Tagesprogramm ist die Organisation von Wasser. Der Tank ist leer. Heute haben wir Glück und finden nach wenigen Kilometern herrlich feines Bergbachwasser.

Auffallend sind die vielen Lachszucht-Anlagen entlang des Meeresarms. Chile ist nach Norwegen weltweit der zweitgrösste Lachsproduzent. Innerhalb von nur 15 Jahren ist die Produktion aus dem Nichts gewachsen. 2009 brach sie wegen eines Virus um mehr als 50 Prozent ein. In den letzten Wochen haben Zeitungen weltweit über unzähliger tote Wale und Fische an Chiles Küste berichtet. Die Regierung verweist auf ein Naturphänomen, den Klimawandel und den stärksten El Niño seit 65 Jahren. Lokale Fischer, speziell die Bewohner der nahe gelegenen Insel Chiloé machen die industrielle Lachszucht und deren Gift dafür verantwortlich.

Lachszucht

In Puelche geht es dann wieder nordwärts, mit der Fähre nach La Arena. Wir gelangen zurück auf die Carretera Austral, auf der wir noch das letzte Stück bis Puerto Montt fahren wollen. Unterwegs essen wir am Pier der Bucht unser Mittagessen im Auto. Neben uns verkauft ein Fischer seinen Lachs ab dem Strassenrand. Im Pazifikmeer vor uns tummeln sich drei Pinguine und ein paar Delfine.

In der Hafen- und Arbeiterstadt Puerto Montt geht es belebt zu und her. Auch das Stadtbild ist eine wilde Mixtur verschiedenster Baustile. Hier gibt es alles: Moderne Hochhäuser nebst typisch chilenischen Holzhäuschen, alte Landhäuser nebst modernen Kaufhäusern und Industriegebäuden. Das älteste Gebäude der Stadt ist die hölzerne Kirche. Wir füllen unsere Vorräte mit frischem Gemüse und Früchte von Bauern, die vor dem Supermercado ihre Ware zu günstigen Preisen anbieten. Im Winter und bei Regenwetter essen die Chilenen gerne eine Spezialität aus der Mapuche-Küche: Sopaipillas, frittiertes Kürbisbrot. Dazu gibt es Pebre. Eine würzig scharfe Sauce mit Tomaten, Chili, Zwiebeln und Koriander. Etwas, was hier in Chile zu nahezu allem gegessen wird.

Zu den super feinen Sopaipillas, die es heute gibt, passt das Wetter perfekt: es regnet in Strömen. Die Vögel erfreuen sich an den Regenwürmern.

Und weil’s so schön ist, gleich noch ein paar weitere tierische Momentaufnahmen:

Am Nachmittag fahren wir entlang der Küste zur nächsten Fähre. Wir wollen auf die mystische Insel Chiloé! Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag 🙂

Ein Gedanke zu „Nationalparks, Seen und Vulkane – von El Bolsón durch das Seengebiet Argentiniens und Chiles bis Puerto Montt

  1. Wie Miriam en Thomas wat ontzetten mooi om jullie avonturen te lezen en zien echt geweldig wat jullie allemaal zien en meemaken en alle verschillen per land
    Grappig dat er ook een Zwitserse deel en mensen hun bestaan hebben opgebouwd in Argentinië
    Geniet maar lekker verder samen en heel veel lieve groetjes van ons uit warm Benidorm xxxx

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