Eine kunterbunt strahlende Welt – Guatemalas Süden

Bienvenidos en Guate! Der Grenzbeamte heisst uns mit einem breiten Grinsen willkommen. Wir freuen uns riesig, in die kulturreiche, kunterbunte Welt Guatemalas einzutauchen!

4×4 steht auf dem Strassenschild zum Vulkan Ipala. Ob und wo ein Vierradantrieb oder eine Untersetzung nötig wäre, ist eine beliebte Diskussion unter Overlandern. Der gute alte Rudolph hat beides nicht. Die Strecke ist steil und steinig, doch unser starker Kerl schafft es die Holperpiste hoch.

Der Vulkan Ipala ist kein typisch touristisches Ziel. Für uns ist es ein Ort, um gemütlich im neuen Land anzukommen. Am Kratersee erfreuen wir uns der friedlichen Natur und eines Picknickplatzes mit Grillstelle.

Wir dürfen nebst dem rustikalen Häuschen einer lieben Familie stehen, wo wir mit ein paar Hühnern und Hunden unter dem Auto wunderbar schlafen.

Tiefe Schlaglöcher und teils grob geschotterte Strassen entschleunigen das Vorankommen. Doch spannendes Reisen ist eben oft nicht bequemes Reisen. So bleibt dafür mehr Zeit, um die vielen neuen Eindrücke und das liebenswürdige Chaos am belebten Strassenrand zu geniessen. Die Männer auf dem Schweinetransporter winken uns fröhlich zu und ein Bus überholt uns waghalsig. Die bunt lackierten und dekorierten Schulbusse sind in Guatemala das Transportmittel Nummer Eins. Die Camionetas düsen durchs ganze Land. Dabei gibt es ultramoderne, aber auch schrottreife Exemplare. Vor allem Sonntags sind sie gerne übervoll mit Menschen, Tieren und Waren aller Art beladen.

Am frühen Morgen ist es auf dem Wanderpfad zum Vulkan Pacaya herrlich ruhig. Noch ist weit und breit kein anderer Tourist in Sicht. Ein lieber Hund, der uns die letzte Nacht auf dem Parkplatz bewacht hat, begleitet uns hoch. Aus der schwarzen Magma-Gestein-Wüste unterhalb des Vulkankegels steigen warme Gase auf. Eine idyllische Stimmung umgibt uns, während sich die umliegenden Vulkane noch im Nebel hüllen.

Wir kraxeln das letzte, rutschige Stück hoch. Am rauchenden Kraterrand auf gut 2500 Meter verschlägt es uns den Atem, nicht nur wegen des starken Windes. Wir sind alleine, bis uns ein Parkranger folgt und erklärt, dass wir hier eigentlich gar nicht sein dürften. Der Pacaya hat vor zwei Monaten gespuckt und der Krater ist daher momentan gesperrt. Wir dürften aber doch noch kurz Fotos machen. Die guatemaltekische Freundlichkeit scheint keine Grenzen zu kennen. Unten angekommen, löst das Adrenalin Glücksgefühle in uns aus. Für all die Touristenmassen, die gerade hochkommen, sitzt nun das Wachpersonal am Häuschen unterhalb des Gipfels. Wir waren zu oder einfach genug früh hier oben 😉

Die Wanderung hat hungrig gemacht. Wir haben Lust auf eine Schweizer Bratwurst und die gibt‘s sogar! Dank eines St.-Gallers aus Buchs, der Anfang des 20. Jahrhunderts per Schiff nach Kanada auswanderte. In den USA lernte er seine Frau, eine Guatemaltekin, kennen und was hier in Guatemala Stadt mit dem Verkauf von Hühnereiern begonnen hat, ist heute in der dritten Generation ein gut organisierter Grossbetrieb. Walter und Elisabeth Senn und ihre weiteren Geschwister führen das Cabaña Suiza. Es gibt ein Hotel mit Café und für Hochzeiten sogar eine Kapelle und einen Helikopter-Landeplatz. Overlander dürfen, sofern sie im Restaurant etwas konsumieren, kostenlos auf der grossen Wiese campen. Das machen wir noch so gerne. Schliesslich steht nebst der leckeren Bratwurst mit Rösti oder Kartoffelsalat sogar eine Engadiner Nusstorte auf der Speisekarte 🙂

Gestärkt verbringen wir einige Stunden im Verkehrschaos der Hauptstadt. Das Auffüllen unserer Gasflasche gestaltet sich als einfach. Etwas komplizierter ist die Suche nach einer Batterie. Die Zweitbatterie, die seit Chile unser Häuschen versorgte, hat leider den Geist aufgeben. Doch irgendwann werden wir fündig und können die Stadt verlassen. Ein paar Kilometer ausserhalb befindet sich La Antigua Guatemala, die ehemalige Hauptstadt, wo wir die nächsten Tage bei der Touristenpolizei kostenlos und sicher stehen.

Nach mehreren schweren Erdbeben wurde der Regierungssitz während der Kolonialzeit 1776 von Antigua nach Guatemala Stadt verlegt. Heute ist das Kolonialstädtchen am Fuss des Vulkans Agua eine Touristenhochburg. Dennoch herrscht eine authentische Stimmung und die Einheimischen begegnen uns enorm freundlich. Die Menschen scheinen tolerant, weltoffen und gleichzeitig traditionsbewusst zu sein.

Zur Fiesta zu Ehren des Schutzpatrons Santiago finden Prozessionen und Umzüge statt. Es gibt Feuerwerk und eine Chilbi mit vielen Essensbuden.

Das Hochland im Südwesten Guatemalas ist das kulturelle Zentrum der direkten Nachfahren der Maya. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung teilt sich diesen Ursprung. Damit gibt es so viele Indígenas, wie in keinem anderen zentralamerikanischen Land. Die verschiedenen Maya-Bevölkerungsgruppen sprechen noch heute mehr als 20 verschiedene Maya-Sprachen! Im Herzen des Hochlands liegt, von hohen Bergen und drei Vulkanen umrahmt, der tiefblaue Bergsee Lago Atitlán.

Eine enge Serpentinenstrasse führt uns steil ans Seeufer herunter, wo wir in Panajachel auf einem Parkplatz nebst einem Hotel übernachten wollen. Wie existenziell die Armut in Guatemala sein kann, stellen wir beim heutigen Mittagessen fest. Ein älterer Mann erbittet Thomas, sein Essen mit ihm zu teilen. Hungrig und mit einem Schmunzeln in den Mundwickeln verzehrt der Herr in kürzester Zeit ein paar Kartoffeln, Bohnen und Tortillas. Danach steht er wortlos, mit einem zahnlosen Grinsen vor unserem Fenster. Anscheinend ist er noch immer hungrig und so reichen wir ihm eine Banane. Wir trauen unseren Augen nicht, als der Mann diese gleich samt dicker, schon brauner Schale verdrückt!

Schon lange bevor Kolumbus ankam, war das benachbarte Sololá ein wichtiges Handelszentrum. Das Städtchen hat sich seine Traditionen und Ursprünglichkeit bewahrt und der Anteil der indigenen Bevölkerung liegt bei über 90 Prozent. Am heutigen Markttag entdecken wir im Farbenmeer aus Trachten und Tüchern gerade mal ein weiteres weisses Paar. Wir schlendern durch das fröhliche Durcheinander. Wir staunen, schmunzeln und geniessen… Jeder Fleck wird genutzt, um Fleisch, Gemüse, Früchte, Haushaltswaren, Kleidung, Elektrogeräte und noch viel mehr feilzubieten. Es riecht wundbar süsslich nach Mais und Tortillas, nach frischen Kräutern und Fleisch auf dem Grill.

Per Boot besuchen wir drei weitere Dörfer am Ufer des Lago Atitláns: das hübsche San Juan La Laguna, den touristischen Hippieort San Pedro und Santiago Atitlán mit seinem grossen Artesania-Markt.

In San Juan beeindrucken uns die Weberei-Kooperativen. Frauen aus der Region produzieren in einer Genossenschaft traditionelle Textilien. Die Handwerksarbeiten sind sorgfältig verarbeitet und die Baumwolle wird mit Naturprodukten gefärbt. Mit dem Erlös sichern die Frauen sich und ihren Familien das Überleben und ermöglichen ihren Kindern Schulbesuche.

Auf unserer Weiterfahrt machen wir im Dorf San Andrés Xecul einen Halt, denn die knallgelbe Kirchenfassade gilt als die bunteste Guatemalas.

In einem fruchtbaren Tal liegt das Bergdorf Zunil. Mittlerweile an die Hitze gewöhnt, frieren wir bei den hier kühlen Temperaturen. So übernachten wir auf dem Parkplatz des Termalhotels las Cumbres und erfreuen uns der wärmenden Sauna.

Auch am Montagsmarkt in Zunil sind wir fast die einzigen Touristen. Wir staunen einmal mehr über die kreativen Webarbeiten der farbenfrohen Trachten. Die Frauen tragen Wickelröcke mit abwechslungsreichen Mustern. Das Huipil, die Bluse, hat ein anderes Muster, passt aber im Ton meist perfekt zum Rock und ist nicht weniger aufwendig gewebt und bestickt. Die Vielfalt der Stoffe und Kombinationen ist faszinierend. Während die Frauen ihre traditionelle Kleidung auch im Alltag tragen, hat sich die Tracht der Männer leider bis auf wenige ursprüngliche Regionen verloren. Die Männer bevorzugen einfache Hemden und Jeans-Hosen im westlichen Stil

In der Grossstadt Quetzaltenango, kurz Xela genannt, übernachten wir auf einer Wiese zwischen einem Zirkus und dem McDonalds. Die Polizei will ein Auge auf uns haben und kommt täglich auf einen Schwatz vorbei. Sie möchten, dass wir in der Schweiz gut über ihre Stadt berichten. Das wollen wir hiermit gerne tun! Zum ersten August backt Thomas einen leckeren Weggen, wozu wir uns ein gutes Stück Schinken gönnen.

Wir schlendern über den Markt und die Altstadt von Xela, welche zwar keine grossartigen Sehenswürdigkeiten hat, aber ganz gemütlich ist.

Über grüne Hügel, durch Maisfelder und Kieferwälder fahren wir nach Chichicastenango. Am Strassenrand werden Äpfel und Pfirsiche verkauft. Lokale Äpfel, für uns ein Highlight, denn diese sind in Zentralamerika meist importiert und entsprechend teuer. Der Strassenrand wir auch genutzt, um die ellenlangen Baumwollschnüre für die Webarbeiten zu sortieren.

In Chichicastenango besuchen wir den letzten guatemaltekischen Markt, von denen wir eigentlich gar nicht genug bekommen können. Schon am Vorabend beobachten wir, wie die Menschen aus den umliegenden Dörfern schwer bepackt mit ihren Kunsthandwerken anreisen. Während die Verkäufer bei ihren Ständen übernachten, stellen wir Rudolph auf das Fussballfeld nebst dem Polizeiposten. Auch hier begegnen uns die Polizisten sehr freundlich und hilfsbereit. Chichi war schon immer eine bedeutende Handelsstadt. Der Markt, der jeden Donnerstag und Sonntag stattfindet, gehört zu den grössten des Landes und ist seit Jahrzehnten ein Touristenmagnet. Wir geniessen die tollen Bilder. Motive, die sich wunderbar für ein Puzzle eignen würden. Überall wird fleissig gefeilscht und verhandelt. Eine alte Frau schlurft barfuss durch die Gassen, eine andere balanciert gekonnt eine grosse Schüssel Tortilla-Teig auf ihrem Kopf. Männer wie Frauen tragen schwere Lasten in ihren Tüchern. Der kleine Junge, der seit Stunden in den Gassen Süssigkeiten verkauft, strahlt über beide Ohren, als ihm sein Vater Geld für das günstigste Eis gibt. Auf der Treppe vor der Kirche Santo Tomás finden Zeremonien statt. Zwischen Blumen brennen Kerzen, Opfergaben brutzeln im Feuer und im geschwenkten Weihrauch vermischt sich die Weltanschauung der Maya mit dem katholischen Glauben. Am meisten beeindruckt uns aber, wie die Bauern aus dem Hochland, die einfachen Menschen Guatemalas von ihrem Herzen aus strahlen und uns absolut warm und offen begegnen. Ein Reichtum, der mit keinem materiellen Wert der Welt vergleichbar ist und an dem wir uns ein Vorbild nehmen können.

Mehr zu unserer Reise durch Guatemalas Mitte und Norden im nächsten Bericht.

3 Gedanken zu „Eine kunterbunt strahlende Welt – Guatemalas Süden

  1. Bunt sind die Märkte wie vor 30 Jahren. Die damaligen gwundrigen Kinder sind nun bestimmt auch MarktfahrerInnen und haben euch all die selbst gewobenen farbigen Stoffe angeboten. Herrlich, all die tollen Farben. Tja. Guatemala ist ein spannendes Land zum Bereisen und nicht mehr ganz so gefährlich? Wir mussten dannzumal immer wieder Polizeikontrollen über uns „ergehen“ lsssen. Weiterhin viel Spass. Herzlichst, Helen

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