Bananen, Mangos und Kakao – von der Küste, über die Anden in den Dschungel Ecuadors

Der Wecker geht früh. Wir erwachen auf dem Parkplatz des Flughafens in Guayaquil. In der Hafen- und grössten Stadt Ecuadors ist es tropisch heiss. Die Nacht war unruhig und laut. Vielleicht lag es auch an der Vorfreude, dass ich kaum ein Auge zugedrückt habe. Nun ist es soweit! Das Flugzeug aus Madrid ist pünktlich gelandet und wir dürfen meinen Bruder Marco und seine Freundin Tabea in die Arme schliessen.
Was kommt uns in den Sinn, wenn wir an Ecuador denken? Klar, Bananen! Doch Ecuador ist weit mehr als der grösste Banenexporteur der Welt. Auf relativ kleinem Raum hat dieses fantastische Andenland eine unglaubliche geografische und biologische Vielfalt zu bieten. Drei Wochen werden wir zu viert unterwegs sein. Mit Rudolph geht es von der Pazifik-Küste über die hohen Anden bis ans Amazonasbecken und schliesslich zurück nach Guayaquil. Last but not least werden wir nach Galápagos fliegen. Wir freuen uns riesig, auf Ecuador und das Reisen zu viert!

Wir entfliehen dem tropischen Klima und fahren an die Küste. Unterwegs stoppt uns die Polizei. Wegen dem Riss in der Frontschutzscheibe wollen sie uns büssen. Der Polizist scheint auf etwas Schmiergeld aus zu sein. Nachdem wir freundlich nach seinem Namen fragen, dürfen wir bald darauf weiterfahren – ohne irgendetwas zu bezahlen.
An der Küste angekommen, geht es in gemächlichem Tempo nordwärts. Durch Fischerdörfer mit verwitterten Booten, durch Touristenorte und an weiten Stränden mit Möwen und Pelikanen vorbei, bis wir am Nachmittag in Puerto Cayo ankommen. Hier führt der Schweizer Samuel eine Pension mit Camping. Ein gemütlicher Platz mit vielen verschiedenen Pflanzen. Die Begrüssung ist sehr nett und wir erfahren von Samuel viel über Land und Leute. Ecuadors Küste, vor allem weiter im Norden, hat dieses Jahr mehrmals ein Erdbeben erlitten. Samuel erzählt, wie auch sie die Erschütterungen gespürt hätten.

In der Bucht des verschlafenen Ortes San Lorenzo spazieren wir über den weiten, weissen Sandstrand. Hierher kommen auch die Schildkröten, um ihre Eier zu legen.

Wir fahren die geschlängelte Küstenstrasse weiter bis zur Hafenstadt Manta, wo wir in einen Supermaxi einkaufen gehen. Das riesige Sortiment an Produkten erfreut und überfordert mich zugleich. Da gibt es zum Beispiel die grösste Käsetheke, seit wir in Südamerika sind, und damit nicht genug, noch Bratwurst dazu. Eine Warenpalette europäischen Ausmasses, doch auch zu deren Preisen. Mit einem gefüllten Kühlschrank voller Leckereien fahren wir zum heutigen Stellplatz. Nebst der Kite-Schule in Santa Marianita stehen wir direkt am Strand. Meeresblick und hohe Wellen, nur der Wind zum Kiten fehlt.

Etwas weiter im Landesinnern kommen wir nach Montecristi. Von hier stammen die weltberühmten Panamahüte, in Ecuador Sombrero de paja toquilla genannt. Der Hut aus dem Stroh der Toquilla Palme wird seit jeher, schon zu vorspanischen Zeiten, in Ecuador und nicht in Panama hergestellt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Strohhüte nach Panama exportiert und von da aus in die weite Welt verschickt, weshalb sie fälschlicherweise als Panamahüte bekannt sind. In Europa machte die Pariser Weltausstellung den Hut populär. In einem kleinen Verkaufsladen bekommen wir die Hüte und ihre Herstellung erklärt. Die Preise reichen je nach Qualität von 20 bis 1000 US-Dollar. Die feinsten, am dichtesten gewobenen Hüte, die superfinos, sind wetterfest, behalten stets ihre Form und halten ein Leben lang.

Wir fahren ins Hinterland, durch viele kleine Dörfer und durch riesige, grüne Bananen-, Kakao- und Kaffee-Plantagen. Am Strassenrand werden nebst exotischen Früchten leckere Maniok-Käse-Brötchen verkauft. Pan de Yuca, das es auch in Paraguay gab.

Die Strecke durchs Tiefland bis zu den Anden zieht sich in die Länge. Wir schaffen es nicht in einem Tag und übernachten daher auf dem Camping Tropical in Los Palmares. Noch vor dem Frühstück möchten uns Jenny und Manuel ihr Anwesen zeigen, stolze 7000 m2! Die Machete ist in Ecuador wie das Sackmesser in der Schweiz. Geschickt und rasch schneidet uns Manuel Mangos und Kakaobohnen auf. Zum riesigen Sack voller Mangos, den uns Jenny mitgibt, gesellt sich auf der Weiterfahrt ein noch grösserer mit Bananen und Litschis dazu. Für 1 US-Dollar streckt uns der Verkäufer am Strassenrand einen riesigen Bananenstrauch entgegen. Für die nächsten Tage sind wir definitiv ausgesorgt.

Heute ist der 31. Dezember. Es ist tropisch heiss. Beim Mittags-Picknick schwitzen wir, nicht wissend, dass wir bereits zum Abendessen die Winterjacke ausgraben werden. Auf der Strasse, die sich steil den Westhang der Anden hinauf schlängelt, werden wir immer wieder von verkleideten Menschen angehalten. Anscheinend ein Silvester-Brauch. Die Leute spannen ein Seil über die Strasse und möchten für die Durchfahrt etwas Geld oder Süsses. Speziell die Kinder, die in den ärmlichen Bergdörfern leben, freuen sich riesig über ein paar Cent. Sie rennen unserem Rudolph hinterher, schreien und lachen – und machen uns glücklich. Eine weitere Tradition in Ecuador sind Silvester-Puppen. Überall sind sie zu sehen, vor den Läden, den Häusern und auf den Autos.

Innerhalb von wenigen Kilometern steigen wir von Meereslevel auf 4000 Höhenmeter an. Das Klima wird zunehmend rau, neblig und die zugestreckten Hände der Kinder kühler. Später folgt der Regen. Wir kommen vom Hochsommer in den Winter. Die letzten Kilometer sind steil und holprig, doch schliesslich kommen wir bei der Laguna Quilotoa an. Das Touristen-Zentrum Shalalá wird von Indígenas bewirtschaftet. Wir sind alle müde, merken die Höhe von 3600 Meter. Tabea und Marco beziehen ein Holz-Chalet, wo wir einen gemütlichen Silvesterabend verbringen.
Feliz año nuevo! Das neue Jahr empfängt uns mit Sonnenschein und dem fantastischen Anblick der smaragdgrünen Lagune Quilotoa. Die 250 Meter tiefe Lagune ist ein Überbleibsel eines erloschenen Vulkans. Die Farbe des Kratersees leuchtet und verändert sich mit der Sonneneinstrahlung. Ein friedlicher und ruhiger Ort in den Bergen, ganz hervorragend, um das neue Jahr in Ruhe zu starten.

Unweit der Laguna Quilotoa befindet sich die tiefe Schlucht des Toachi-Canyons, der Tabea und Marco auf dem Foto ziemlich klein erscheinen lässt.

In der Anden-Stadt Latacunga übernachten Tabea und Marco in einem Hostel und wir gleich nebenan auf einem überwachten Parkplatz. An wolkenfreien Tagen hätte man von hier Sicht auf den mächtigen Cotopaxi, den höchsten aktiven Vulkan der Welt. Heute ist es aber regnerisch trüb. Wir fahren also weiter südlich nach Ambato, wo wir die Gelegenheit nutzen, in einer untourstischen Stadt durch die kunterbunten und etwas chaotischen Märkte und typisch südamerikanisch belebten Strassen zu schlendern. Auch wenn so ein Markt nicht ganz europäischen Hygienestandards entspricht, ist es – für uns – der schönste Ort um einzukaufen und der beste, um frisches Gemüse und Früchte zu sehr günstigen Preise zu bekommen. Hier im Hochland sind die Menschen noch sehr traditionell gekleidet. Sie strahlen und sind uns Hellhäutigen gegenüber sehr freundlich.

Östlich von Ambato liegt auf angenehmen 1800 Höhenmetern in einem grünen Tal die Kleinstadt Baños. Ein Hot-Spot des ecuadorianischen Tourismus, denn hier gibt es vulkanische Thermalquellen, schöne Wasserfälle, Süssigkeiten aus Zuckerrohr und jede Menge Fun-Attraktionen wie Riesenschaukeln und Ziplines. Der Ort liegt am Fusse des Vulkan Tungurahua, der seit 1999 aktiv ist. Wir haben Glück und bekommen den 5000er Hausberg von Baños zu sehen. Baños verspricht Spass und der erste lässt nicht lange auf sich warten. Tabea traut sich auf die Riesenschaukel namens Vuelo del Cóndor, den Kondor-Flug.

Am Hang von Baños haben die deutschen Auswanderer Regine und Dietrich mit ihren beiden Söhnen ein künstlerisches Zuhause erschaffen. Der Baustil der beiden Häuser und Gästezimmer ist sehr fantasievoll, schnörkelhaft, aufwendig und wunderbar schön in die Natur eingebunden. Ein märchenhafter Ort, an dem wir uns sehr wohl fühlen. Gegen eine Konsumation im Restaurant dürfen wir hier kostenlos parkieren und zelten.

Östlich von Baños verläuft die Strasse entlang der Schlucht des Ríos Pastaza hinunter nach Puyo. Erneut verändert sich das Vegetationsbild mit dem Wechsel vom Hoch- zum Tiefland.

Auf dem Weg von Baños nach Puyo gibt es einige Touristenattraktionen. Mit einer kleinen Seilbahn geht es abenteuerlich über die tiefe Schlucht und einen Wasserfall. Wobei nicht alle gleich schwindelfrei sind, so stehe ich zumindest etwas verkrampft in diesem offenen Stahlkorb.

Ein paar Kilometer weiter führt ein schöner Wald-Wanderweg zum tobenden Wasserfall Pailõn del diablo, dem Teufels-Kessel, hinunter.

Dann kommen wir nach Puyo und damit an den Rand des oberen Amazonasbeckens in den tropischen Regenwald.

Am Stadtrand besuchen wir die Affen-Auffangstation Rescate de los Manos. Der Besitzer der Station ist Ivan, ein Schweizer aus Montreux. Ivan meint, dass die Tiere jetzt am späten Nachmittag müde seien. Wir sollten besser baden gehen, bevor es dunkel und dann wegen der Schlangen gefährlich werde. Also geniessen wir die  herrliche Abkühlung im Río Puyo. Ein Abenteuer, Schwimmen im Dschungel!

Gleich nebst der Auffangstation wohnt ein sehr nettes, einheimisches Ehepaar. Wir dürfen nebst ihrem Haus übernachten. Der Mann wischt für uns seinen überdeckten Vorplatz, wo wir das Zelt aufstellen dürfen. Als wir anderntags erwachen, sitzt er vor seinem Haus. Im Sack vor sich befindet sich eine Schlange. Er wartet auf Ivan, um ihm die Boa zu geben. Die Menschen in der Stadt fürchten sich vor den Schlangen und würden sie umbringen. Ivan nimmt sie in seiner Station auf und setzt sie später im Nationalpark wieder frei.

Heute Morgen sind die Affen wach und aufgeweckt. Sie springen umher, sind sehr zutraulich und strecken uns ihren Arm für eine Streicheleinheit entgegen. Ein frecher Kerl mit nur einem Auge hüpft auf Thomas Schulter, sucht auf seinem Kopf nach Läusen und beisst auch mal zu. Da ist der Pipi-Langstrumpf-Affe schon herziger. Dann ist da noch das Baby-Kapuziner-Äffchen, das von seiner Mutter verstossen wurde. Frech streckt die Kleine uns die Zunge raus, als wir ihr den Schoppen geben dürfen. Zuckersüss!

Später besuchen wir den Biopark Yana Cocha, wo es noch andere heimische Tiere zu sehen gibt.

Wie die Swissair-Boxen, heute Abfall-Eimer im Zoo, wohl hierhergekommen sind?

Auf dem Rückweg übernachten wir nochmals bei der Hosteria Chamanapamba. Bevor wir Baños verlassen, gibt’s noch einen Adrenalinkick. Mit einer Zipline rauschen wir einen Kilometer lang über die Schlucht. Ein toller Flug!

Dann haben wir heute noch einige Kilometer vor uns. Unser letztes Ziel auf der Rundreise heisst Alausí. Hier erwartet uns eine spannende Zugfahrt zur berühmten Teufelsnase, Nariz del Diablo. Die Strecke gehört zu den dramatischsten Bahnfahrten Ecuadors. In einem restaurierten Waggon tuckern wir von Alausí nach Sibambe, durch ein malerisches Tal und an Steilwänden entlang. Was die Bahnstrecke so besonders macht, ist das ingenieurtechnische Meisterwerk einer Zickzack-Strecke an der steilen Felsnadel der legendären Teufelsnase. Um den steilen Berghang zu bewältigen, führt die Gleisführung vor und zurück. In den Spitzkehren werden die Weichen von Hand gestellt. Am Bahnhof von Sibambe besuchen wir das kleine Museum und Indígenas führen ihre traditionellen Tänze vor. Auch Thomas darf das Tanzbein schwingen.

Zurück in Guayaquil packen wir unsere Rucksäcke, denn morgen fliegen wir nach Galápagos. Mehr über dieses einzigartige Naturspektakel im nächsten Beitrag.

Ein Gedanke zu „Bananen, Mangos und Kakao – von der Küste, über die Anden in den Dschungel Ecuadors

  1. Wunderbar, was ihr so sehen und erleben könnt .Mir kommen viele Erinnerungen hoch. Habe Ecuador vor vielen Jahren bereist. Geniesst es und kommt gesund zurück.Herzlichst, Helen

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