Im Land der Pupusas – El Salvador

Bei Guasaule verlassen wir Nicaragua, reisen nach Honduras ein und noch am selben Tag wieder aus. Bevor wir Honduras bereisen, wollen wir nach El Salvador, denn dort sind wir in wenigen Tagen mit Martín verabredet.

Von Honduras sehen wir also vorerst nur 130 Kilometer Panamericana, die hier nicht gerade als Schnellstrasse bezeichnet werden kann. Die vielen Schlaglöcher im Belag fordern nicht nur Hochkonzentration, sondern auch viel Zeit. Wir sind auf der Transit-Strecke mit vielen Lkw’s unterwegs. Bei einer Tankstelle, wo wir eine kurze Mittagspause verbringen, begegnet uns ein junges Mädchen, das Geld für ihre an Brustkrebs erkrankte Mutter sammelt. Solche Begegnungen machen uns traurig und nachdenklich. Ein Grossteil der Menschen in Honduras ist nicht krankenversichert und vermag sich nicht einmal eine ärztliche Behandlung in einem staatlichen Krankenhaus leisten. Das Geld reicht oft gerade so, um von der Hand in den Mund zu leben. Was für ein immenser Unterschied zu unserem Leben und dem extremen Gesundheitssystem in Europa!

Nach einigen Stunden Fahrerei kommen wir etwas klebrig und müde am nächsten Grenzposten an. Die Hitze drückt und noch während wir einen Parkplatz suchen, springen uns ein paar Grenzhelfer an. Ziemlich hartnäckige Männer, die uns beim Erledigen der Formalitäten gegen Entgelt behilflich sein wollen. Von Reisenden, die von Nordamerika her kamen, haben wir einige dramatische Stories zu Grenzübergängen in Zentralamerika gehört. Tatsächlich ist es hier zwischen Honduras und El Salvador etwas chaotischer als üblich und auch die Fahrzeugeinfuhr dauert halt so seine Zeit. Doch wir sind froh, um die in Südamerika gewonnen Erfahrungen. Was Grenzen betrifft, so sind wir allmählich routiniert, die Verständigung auf Spanisch verläuft mittlerweile problemlos und die lateinamerikanische Gelassenheit scheint schon etwas auf uns abgefärbt zu haben. So atmen wir einmal tief durch, trinken einen Schluck Wasser und sagen den Schleppern freundlich, aber bestimmt, dass wir ihre Hilfe nicht brauchen. Dann bahnen wir uns im Gewühl von Grenzübergängern, Beamten, Geldwechslern, streunenden Hunden und bettelnden Menschen den Weg von einem Schalter zum nächsten. Heute machen wir es uns selbst etwas komplizierter, als es wäre, denn wir wollen unsere Fahrzeugeinfuhrbewilligung, die uns heute früh bei der Einreise nach Honduras 35 US-Dollar gekostet hat, während des Aufenthalts in El Salvador nicht verlieren. Zuerst heisst es, das ginge nicht. Doch nach einiger Sucherei finden wir den Container mit der Zollchefin persönlich, die uns unkompliziert eine Spezialbewilligung erteilt.

El Salvador ist etwa halb so gross oder besser klein wie die Schweiz. Das Land grenzt im Süden an den Pazifik, im Nordosten an Honduras und im Nordwesten an Guatemala. Für heute sind wir genug gefahren und so stellen wir uns bei der ersten grösseren Tankstelle hin. Der Security mit umgehängter Pumpgun will gegen zwei Dollar auf uns aufpassen. Nach einer kalten Dusche fallen wir mit dem surrenden Geräusch des Ventilators in einen tiefen Schlaf. Anderntags fahren wir runter ans Meer. An der Pazifikküste um El Cuco ist wenig los, dennoch finden wir zwischen all den Privatgrundstücken keinen öffentlichen Zugang zum Wasser.

Also fahren wir, immer weiter der Küste entlang. Die geteerte Strasse wird zur steinigen Piste, auf der wir holprig einen Hügel nach dem anderen hoch und wieder runter tuckern. Rudolphs Räder spulen ein paar Mal, Äste kratzen an der Seite vorbei und der Weg wird nicht besser, sondern immer schlechter. „Wie weit geht denn das noch so?“ fragt mich Thomas. Angespannt schaue ich aufs Navi. Bis zu einer – vermutlich – besseren Strasse ist es weiter, als wenn wir umkehren. Da gäbe es nur ein Problemchen… eine Wendemöglichkeit gab es schon eine Weile nicht mehr. Bevor wir im Nirgendwo stecken bleiben, probieren wir gleich hier, wo der Weg etwas breiter ist, zu wenden. Unser guter alter Rudolph schafft’s und wir atmen auf. Noch ein Foto vom Gürteltier am Wegrand und wir fahren schweigend die holprige Strecke zurück.

El Salvador entpuppt sich als ein wahres Streetfood-Paradies. Auf dem Weg in die Berge sind die Strassen immer wieder von Verkaufsständen gesäumt. Im Dorf Alegría sind die gut 1200 Meter Höhenunterschied spürbar, denn es ist viel kühler. Alegría heisst Freude und die kommt inmitten der vielen Leckereien auch bei uns auf. An jeder Ecke wird ein Happen zu essen angeboten. Von Tortillas über Grillwaren zu Kaffee und Torte… So ist es doch wieder einmal mit den Plänen… statt eines Strandtages am Meer gibt es einen nebligen, regnerischen, aber kulinarisch süssen Sonntagnachmittag in den Bergen. Wir probieren die Spezialität schlechthin. Pupusas – das sind kleine, runde Mais- oder Reismehl-Tortillas, die mit Käse, Bohnenpaste, Chicharrón (Schweinespeckschwarte) oder mit Revuelta, das heisst mit allen drei Zutaten, gefüllt und grilliert werden und sehr, sehr lecker schmecken! Dazu wird meist eine scharfe Sauce und ein riesiger Kübel Curtido, eingelegtes Gemüse und Sauerkraut, aufgetischt. Pupusería’s findet man in El Salvador an jeder Strassenecke.

Etwas oberhalb des Dorfes verbringen wir eine angenehm kühle Nacht an der kleinen Vulkankrater-Lagune.

Suchitoto ist eine koloniale Gemeinde im Norden El Salvadors, wo es ganz gemütlich zu und her geht. So ruhig war es hier aber nicht immer. Von 1980 bis 1991 herrschte in El Salvador ein Bürgerkrieg. Starke Ungleichverteilung von Besitztümern und Ländereien, Wahlbetrug, Korruption, Unterdrückung und skrupellose Bereicherungen führten zur Bildung von Guerillagruppen. Die erfolgreiche Revolution in Nicaragua wurde zum Vorbild für den bewaffneten Kampf. Als der Erzbischof Oscar Romero, der sich für Gerechtigkeit im Land stark machte, während einer Messe erschossen wurde, brach der Bürgerkrieg aus. Auch in El Salvador mischten die USA unschön mit, indem sie aus Angst vor einer sozialistischen Revolution riesige Summen in das untergehende salvadorianischen Militärregime pumpten und den Konflikt damit nur noch verlängerten. Während des Krieges verloren rund 75‘000 Menschen ihr Leben. Regierungstruppen ermordeten ganze Dörfer. Hunderttausende flüchteten ausser Land. 1990 wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet, worauf die paramilitärischen Gruppierungen und Todesschwadronen aufgelöst und durch eine nationale zivile Polizei ersetzt wurden. Die soziale Ungleichheit blieb aber auch nach Ende des Bürgerkriegs erhalten.

Nicht nur die Landeswährung ist mit dem Dollar US-amerikanisch. In der Hauptstadt San Salvador reihen sich Leuchtreklamen und riesige Werbeplakate aneinander und es wimmelt nur so von verschiedensten Fastfood-Ketten, Shoppingcentern und Walmarts. Die Konsumtempel beherrschen geradezu das Stadtbild. Im Kontakt zu den Salvadorianern verspüren wir ein merkwürdiges Verhältnis zu den USA. Der Bürgerkrieg und die Suche nach Arbeit hat viele Salvadorianer ins Ausland getrieben. Ein beträchtlich grosser Teil der Bevölkerung, mehr als eine Million, ist in die USA emigriert. Deren Rücküberweisungen an Verwandte und Bekannte sind für El Salvador zentrale Devisenbringer. So sind die USA auch für viele Daheimgebliebene eine gewünschte Destination. Der amerikanische Traum und Lebensstil imponiert und Uncle Sam scheint das grosse Idol zu sein. Wiederum haben wir noch in keinem anderen Land so oft das Wort Gringo, als abneigende Bezeichnung für US-Amerikaner, gehört.

Doch wir lernen die Guanacos, so der Spitzname der El Salvadorianer, auch als sehr gastfreundliche und offenherzige Menschen kennen, die uns Touristen stolz ihr Land zeigen wollen. Wir sind zu Besuch bei Martín, den wir in Panama kennengelernt haben. Martín und seine Familie wohnen, wie die meisten Stadtbewohner der Mittel- und Oberschicht, in einer überwachten Siedlung. Der Bürgerkrieg hat seine Spuren hinterlassen. Man schirmt sich vor der Kriminalität draussen vor der Tür ab, mit hohen Mauern, Gittern vor den Fenstern und einem von einem Wachmann rund um die Uhr bewachten Tor. Hier steht dann auch unser Rudolph an einem sicheren Fleck und wir dürfen in Ruhe die Gastfreundschaft von Martín, seiner Cousine und Nichten geniessen. Im Baum hinter dem Haus pflücken wir leckere Avocados. In San Salvador ist es ganzjährig sommerlich bei maximal 30 und minimal 16 Grad.

Es gibt ganz viel leckeres Essen! Da auch Martín demnächst wieder ins Ausland zum arbeiten verreist und daher gerade seine Wohnung am räumen ist, gehen wir auswärts essen. Unser Tag beginnt mit einer Portion Eiern, gebratenen Kochbananen, Bohnen und Bohnenpaste, Tortillas und schwarzem Kaffee. Eine typische Vorspeise sind Pastelitos de Papa, frittierter Kartoffelstock. Famose Hauptspeise sind natürlich die Pupusas. Wir lernen, dass man die Pupusas nicht etwa mit der Gabel, sondern von Hand isst. Was ein ziemliches Geschmier gibt, sicher aber halt so gehört. Zum Nachtisch gibt’s Buñuelos, frittierte Maniok-Kugeln mit Ahornsirup und noch ganz viel anderes Süssgebäck. Ha ha… damit noch nicht genug, denn dazu trinkt man gerne Horchata, ein Reismilch-Kakao-Saft mit Zimt. Die salvadorianische Küche ist eine Kalorienbombe, deftig, aber fein!

Heute morgen früh bebt es. Wir erleben unser erstes, grösseres Erdbeben. Nicht dramatisch, das Epizentrum liegt weit weg vor der Küste Guatemalas. San Salvador wurde aber in der Vergangenheit immer wieder von schwereren Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmung zerstört. Dennoch gibt es noch das eine oder andere historische Gebäude. Wir besuchen die Kathedrale Metropolitana, wo der Erzbischof Romero begraben ist. Gleich um die Ecke gibt es im kunstvoll verzierten Nationalpalast über 100 Räume, jeder mit einem anderen Fussboden-Muster aus italienischem Marmor. Dann sehen wir uns noch die Kirche El Rosario an, deren Decke aus einem gläserner Bogen gewölbt ist und in allen Farben des Regenbogens glitzert.

Im anthropologischen Museum tauchen wir in die Geschichte der Landesbevölkerung ein. Wir bewundern gut erhaltene, präkolumbische Kunstgegenstände. Die einstige Bevölkerung El Salvadors stammte vom Volk der Pipil ab, das toltekische und aztekische Wurzeln hat. Auch die Maya-Kultur reichte bis nach El Salvador. Die indigene Bevölkerung wurde aber durch die eigene Regierung brutal verfolgt und deren Kulturen damit tragischerweise praktisch ausgetrottet. Die El Salvadorianer von heute sind auffällig hellhäutig. Rund 90 Prozent sind Mestizen, das heisst Mischlinge spanischer und indigener Herkunft, zirka neun Prozent sind europäischer Abstammung und gerademal noch ein Prozent sind indigen. So sprechen nur noch ganz wenige Nahuatl und tragen traditionelle Kleidung.

Nach ein paar wunderbaren Tagen verabschieden wir uns von Martín und seiner Familie. Wir danken ihnen von Herzen für ihre grossartige Gastfreundschaft! Leider müssen wir bald erfahren, dass Martíns Cousine Rosa Delia nur wenige Tage nach unserer Abreise verstorben ist. Die Nachricht macht uns tief traurig und betroffen. Sie zeigt uns aber auch, wie wertvoll das Leben, ja einfach jeder Moment doch ist.

Wir fahren die beliebte Ruta de las Flores. Die 30 Kilometer lange, kurvenreiche Strecke mag uns aber irgendwie nicht sonderlich beeindrucken. Das liegt wohl daran, dass wir nicht zur Blütezeit unterwegs sind. Doch auf der Blumen-Route gibt es ein paar schöne Dörfer. Wir besuchen das gesellige Juayúa, wo wir auf dem privaten Parkplatz eines Hotels stehen dürfen. „Chuay-uh-ah“ ist bekannt für seine wöchentlich stattfindende, gastronomische Messe. Ja, ja, schon wieder dreht es sich ums Essen. Schiesslich ist ja auch schon wieder Sonntagnachmittag 😉

Die neue Woche starten wir in einer Badi am See Coatepeque, wo wir ein paar ruhige Stunden geniessen.

Da wir die gleiche Strecke nicht doppelt fahren wollen und unser Navi eine Strasse rund um den See kennt, fahren wir auf der anderen Seeseite weiter. Verflixt… irgendwie haben wir’s nicht so mit den salvadorianischen Strassen. Die Strasse wird zum Strässchen und mündet schliesslich in einen schmalen Wanderpfad. Hier können wir diesmal definitiv nicht wenden. Es bleibt nur der Rückwärtsgang. Als wir durch die Gebüsche über den steinigen Weg fahren, kommt in uns beiden ein Gedanke auf. Hoffentlich taucht hier niemand auf, der uns in dieser Sackgasse überfallen will und hoffentlich halten die Reifen den spitzen Steinen stand. Wir schaffen’s, auch wenn Rudolph danach wie ein Christbaum mit Zweigen und Blättern beschmückt ist.

Auf dem Weg zum Nationalpark Cerro Verde entdecken wir eine kleine Boa constrictor, die gerade inmitten der Hauptstrasse ein Eichhörnchen verspeist.

Zwischen dem Cerro Verde und den beiden Vulkanen Izalco und Santa Ana finden wir auf einer Bergwiese einen traumhaften Campingplatz. Abends sitzen wir gemütlich am Feuer, zusammen mit Raul, der aus Mexiko-City kommt und mit dem Fahrrad nach Ushuaia unterwegs ist.

Nach dem vielen Essen wird’s höchste Zeit für etwas Bewegung. In El Salvador kann man aber nicht einfach herum spazieren, wie man so will. Viele Wanderungen sind aus Sicherheitsgründen nur unter Polizei-Schutz erlaubt, so auch die Besteigung des Vulkans Santa Ana. Einmal täglich, um 11 Uhr, geht die geführte Tour los. Zwei Guides und ein Polizist eskortieren den Wandertrupp. Auf die Plätze, fertig, los… die Guides gehen rasch voraus. Man könnte meinen, wir würden an einem Marathonlauf teilnehmen. Der angenehme Nebeneffekt ist, dass sich die Menschenmenge durch das Tempo stark verteilt und so Ruhe auf den Wanderwegen einkehrt.

Der Aufstieg ist nicht so streng, als wir das erwartet hätten. Auf dem Gipfel werden wir mit einem grandiosen Blick auf eine tief im Krater liegende Lagune belohnt. Das türkise Wasser leuchtet, wenn die Sonne hineinstrahlt. Der Santa Ana ist aktiv, letztmals ist er im Oktober 2005 ausgebrochen. Unterhalb des Sees befindet sich die Lava. Dämpfe steigen hoch und es blubbert.

Zurück auf dem Campingplatz entdecken wir, dass wir auf unserer Sackgasse-Abenteuer-Fahrt wirklich nicht weit von einer Reifenpanne weg waren. Richtig Latino-mässig löst Thomas barfuss und mit dem Werkzeug, das wir halt so haben, den Reifen von der Felge 😉

In der Stadt Santa Ana fahren wir zu einem Reifenhändler. Nach 30‘000 Kilometer permanenter Überbelastung sind die BF-Goodrich, welche wir in Chile gekauft haben, am Ende angekommen. Bevor sie uns um die Ohren fliegen, wechseln wir sie mal lieber. Die beiden Ersatzreifen kommen vorne hin und hinten gibt es zwei neue Goodyear-Reifen. Das sieht dann nicht mehr ganz so hübsch aus, aber wenn stört das schon?

In Suchitoto gibt’s zum Abschied nochmals eine leckere Portion Pupusas. Dann fahren wir zurück an die Grenze, auf nach Honduras!

 

2 Gedanken zu „Im Land der Pupusas – El Salvador

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