Einmal durch die Mitte der Welt – von Guayaquil nach Tulcán

In Ecuador könnte man sich ständig umziehen. Auch heute kommen wir innert wenigen Stunden von der Hitze des Flachlands in den Nebelwald. Auf den Nebel folgen dann noch die Kälte und der Regen. Doch so ist es halt, wenn man von Meereshöhe auf knapp 4000 Meter ansteigt. Wir verlassen die Grossstadt Guayaquil. Eigentlich wollten wir im Nationalpark Caja wandern, doch bei diesem Regen? Also Planänderung, lass uns nach Cuenca fahren! In der Andenstadt auf angenehmen 2500 Metern finden wir schliesslich einen bewachten Parkplatz gleich nebst der Altstadt. Gemütlich schlendern wir durch die Stadt und die Märkte, besuchen das Panamahut- und Prohibido-Arte-Museum. Cuenca ist wirklich eine charmante Stadt, architektonisch wohl die schönste des Landes, mit zahlreichen Kirchen und weiteren Kolonialbauten. Alles in einem bunten Mix verschiedenster Baustile.

Auf der Panamericana geht unsere Reise durchs Hochland nordwärts. Alexander von Humboldt taufte diese Strecke bis zur kolumbianischen Grenze die Strasse der Vulkane. Ecuador hat gleich mehrere feuerspeiende Berge. Der bekannteste ist wohl der Cotopaxi, einer der weltweit höchsten aktiven Vulkane. Doch wir haben es heute auf den 6310 Meter hohen Chimborazo abgesehen. Von unserem heutigen Übernachtungsplatz, dem Parkplatz nebst der Laguna de Colta, geniessen wir bereits die Sicht auf den mächtigen Riesen.

Yeapi – strahlend blauer Himmel und Sonnenschein erwartet uns am anderen Morgen früh. Wir nehmen den Abzweiger zum Naturreservat und fahren dem Vulkan entgegen, etwas nervös: wird das schöne Wetter halten? Beim Eingang müssen wir uns registrieren und dann dürfen wir mit Rudolph bis auf 4800 Meter Höhe zum Refugio Carell fahren. Jetzt schon macht sich die dünne Höhenluft bemerkbar. Die letzten Tage haben wir uns mehrheitlich auf Meereshöhe aufgehalten, zudem sind wir momentan beide erkältet. Also keine idealen Bedingungen. Doch wir möchten rauf, es sind ja nur 300 Höhenmeter bis zur obersten Schutzhütte. Bis auf 5100 Meter kraxeln wir also hoch und da stehen wir, im Schnee, nahe der Gletschergrenze des Giganten Chimborazo. Es weht ein eisiger Wind. Ab hier bräuchte man Klettererfahrung und einen Guide, der einem auf den Gipfel bringen würde. Wir sind froh, umkehren zu dürfen. Der Gipfel des Chimborazo ist übrigens nicht nur der höchste Berg Ecuadors, sondern wegen der ellipsoiden Erdform auch der Punkt, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist. Noch weiter weg als die Spitze des Mount-Everests!

Über eine staubige Schotterpiste fahren wir durch ein einsames, grünes Tal. Hier ein paar grasende Kühe, da ein paar Schafe und inmitten dieser sanften Berglandschaft ein herzig winziger Ort. Das Bergdorf Salinas lässt keine Wünsche übrig: Ruhe, Natur, super feine Schokolade, würzige Salami-Wurst und rezenter Käse! Wow, der Abstecher von der Hauptroute hat sich gelohnt! Wir dürfen uns neben die Käserei stellen und am anderen Morgen ein tolles Spektakel beobachten. Jeden Morgen bringen die Bauern der Gegend kleinere oder grössere Mengen an Milch hierher. Mit Kesseln, auf Esel oder Lama gepackt, wird die Milch zu Fuss herangetragen. 60 Cent gibt’s pro Liter.

Da es hier so friedlich ist, beschliessen wir nochmals eine Nacht zu bleiben. Dann die Überraschung, ein Schweizer Camper namens Friedli gesellt sich zu uns. Friedli ist das Zuhause von Betty und Beat, zwei sehr aufgestellten Reisenden. Wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut und sitzen bis in die kühlen Abendstunden draussen, mit Wein, Chips und Guacamole, natürlich ganz viel Käse und spannenden Reisegeschichten.

Anderntags ist es regnerisch und kühl. Zusammen mit Betty und Beat spazieren wir nochmals ins Dorf. In der Schokoladenfabrik bekommen wir heute eine kleine Führung. Wir erfahren unter anderem, dass der Betrieb Schokolade nach dem Vorbild der Chocolat Frey herstellt. Dies mit Erfolg, denn uns schmeckt die Schoggi wirklich gut! Im Dorfladen dürfen wir nebst Käse leckeren Salami und Schnaps probieren.

Mit einem Kühlschrank voller Leckereien fahren wir bei Regen und Nebel auf einer schmalen Nebenstrasse durch den Nationalpark Ilinizas. Trotz trübem Wetter ist es eine tolle Bergstrecke. Wir kurven auf matschigen Wegen durch den Regenwald. Die Bäume sind wunderschön mit Orchideen bewachsen. Nur die Suche nach einem Übernachtungsplatz gestaltet sich schwierig. Kurz vor Eindunkeln finden wir eine kleine Wiese nebst der Strasse. Der Regen prasselt aufs Dach, doch in Rudolphs Stube ist es gemütlich. Es gibt Gschwellti mit Käse und ein Rüebli-Salat. So lecker wie’s war, haben wir danach etwas Bauchschmerzen. Anscheinend sind wir uns sooo viel Käse nicht mehr gewohnt 🙂

Spontan entscheiden wir uns nochmals ins warme Wetter zu fahren. Also geht’s knapp 400 Kilometer durch den schönen Bergwald, quer durch die Pampa des Tieflands, an der Küste entlang bis wir schliesslich im kleinen Fischerdorf Súa die Nacht verbringen. An der Nordküste Ecuadors leben vorwiegend Nachfahren der in der Kolonialzeit als Sklaven nach Ecuador verschleppten Afrikanern. Die Region war letztes Jahr von mehreren starken Erdbeben betroffen. Heute ist vieles wieder im Aufbau. Dennoch, viele touristische Einrichtungen sind geschlossen, Verkaufs-Schilder fallen ins Auge und vor manchen Dörfern leben die Menschen noch immer in Zeltlagern. Für uns hat sich der Abstecher gelohnt. Das Schöne ist nämlich, dass der tropische Regenwald hier bis zur Küste reicht. Und erneut sind wir bei winterlichen Temperaturen abgefahren und abends im Hochsommer gelandet. Etwas weiter westwärts von Súa finden wir einen traumhaften Campingplatz. Playa Escondida, der versteckte Strand, ist ein Platz im Wald direkt am Meer. Wir sind fast die einzigen Gäste und geniessen die malerische Bucht und die Ruhe in der Hängematte. Ein romantischer und magischer Ort. Abends sitzen wir am Feuer und endlich brutzeln mal wieder legendäre Pizza-Käse-Brötchen auf dem Rost. Dazu gibt’s ein Pilsen, sehr leckeres ecuadorianisches Bier.

Vorbei an Rinderfarmen, Bananen-, Palmen- und Kautschukplantagen fahren wir wieder in die Anden. Eine kurvenreiche Fahrt hoch in die Berge und runter in ein Tal bringt uns nach Mindo. Ein relaxter Ort auf 1250 Meter Höhe, völlig auf den Ökotourismus ausgelegt. Mindo liegt inmitten eines Naturparadieses aus dunstigen Nebelwäldern mit vielen Vögeln. Wir sind fasziniert von den vielen Elfenvögeln, den Kolibris, die scheinbar aus dem Nichts kommen und ebenso schnell wieder verschwinden. Kolibris kommen nur auf dem amerikanischen Kontinent vor, wobei man die grösste Artenvielfalt hier in der Nähe des Äquators findet. Erstaunlich ist auch, dass man die Leichtgewichte von Null bis zu 5000 Meter Höhe antrifft.

Knapp ein Jahr haben wir uns unterhalb der Äquator-Linie aufgehalten. Heute ist es soweit, bei Mitad del Mundo überqueren wir die magische Linie. Ein riesiges Monument – nicht ganz am richtigen Ort platziert – weist auf den Äquator hin. Dort, wo der Äquator tatsächlich verläuft, befindet sich das kleine anthropologische Solar-Museum Inti Ñan. Während einer unterhaltsamen Führung erfahren wir einiges über Geschichte, Brauchtum und den jahrtausendealten Sonnenkult der Äquatorvölker. Zwischen den beiden Hemisphären dürfen wir zudem einige spannende Experimente ausprobieren.

Wir entscheiden uns, nicht in die Hauptstadt Ecuadors nach Quito zu fahren, da uns momentan gar nicht nach Städten ist. Zudem findet morgen Samstag der grosse Markt in Otavalo statt. Wir übernachten auf einem überwachten Parkplatz mitten in Otavalo. Bis nachts um Drei läuft Disco-Musik, ab vier Uhr beginnen die ersten ihre Marktstände aufzubauen und um Sechs ist der Poncho-Platz komplett mit bunter Ware überhäuft. Die Einheimischen, die Otavaleños, pflegen ihre Traditionen, begegnen uns Touristen aber sehr aufgeschlossen und freundlich.

Der kleine Tiermarkt ist ein besonderes Erlebnis, wobei man in Sachen Tierschutz beide Augen zudrücken muss. Auf einem Platz ausserhalb des touristischen Getümmels wird von Meerschweinchen bis Pferd alles verkauft. Indigene Männer und Frauen laufen mit Schweinen, Ziegen und Kühen herum. Fasziniert beobachten wir das rege Treiben. Es wird gehandelt und diskutiert. Hier rennt gerade ein Eber von der Leine, da hört man eine Katze aus einem Sack, die ein kleiner Junge auf seinem Rücken trägt und aus einer anderen Tüte mäht ein Schaf. Ein Schaf kostet 25 US-Dollar, drei Hühner, die wie ein Blumenstrauss an den Füssen zusammengebunden sind, bekommt man für fünf US-Dollar. Am Strassenrand warten die Menschen mit ihren ergatterten Tieren auf den Bus. Irgendwie kann man gar nicht anders, als immer wieder zu schmunzeln.

Der riesige Markt, der nebst Kunsthandwerk auch wirklich alles anbietet, ist einfach toll! Allerdings nur bis um 11 Uhr als es plötzlich nur so von Touristen wimmelt. Auf dem Gemüse- und Früchtemarkt decken wir uns für die nächsten Tage ein. Wie immer, ist die Ware auf dem Markt viel günstiger als im Supermarkt. So bekommen wir zum Beispiel drei Kilo Karotten für 50 Cent.

In Ibarra befindet sich die Finca Sommerwind, einer der Overlander-Meeting-Points in Südamerika. Ein Camping, der vom deutschen Ehepaar Hans und Patrizia geführt wird. Tatsächlich sind viele andere Camper da. Wir bleiben einige Tage, geniessen ein paar gemütliche Grill-Abende und erledigen das eine oder andere, bevor wir nach Kolumbien fahren. Zu unserer Freude tauchen Laura und Reza sowie Erika und Ernst auch auf dem Camping auf. Laura und Reza sind mit dem Fahrrad von Ushuaia nach Cartagena unterwegs. Mit ihnen haben wir im August in Bolivien, in La Higuera, tolle Tage verbracht. Erika und Ernst haben wir an der Südküste Ecuadors, beim Camping von Samuel in Puerto Cayo kennengelernt. Das sympathische Ehepaar aus dem Baselbiet reist wie wir von Süd nach Nord, ebenfalls in einem Mercedes Sprinter. Die Runde der Schweizer Sprinter-Fahrer macht das nette Paar Susanne und Ernst komplett.

Kurz vor der Grenze nach Kolumbien schauen wir uns den Friedhof von Tulcán an. Das Spezielle an diesem Friedhof sind seine vielen grünen Skulpturen. Die kunstvoll beschnittenen Büsche und Hecken sind viel grösser, als wir sie uns vorgestellt haben. Dann steht unser letztes Reiseland in Südamerika vor der Tür, Kolumbien, wir freuen uns auf dich!

 

Ein Gedanke zu „Einmal durch die Mitte der Welt – von Guayaquil nach Tulcán

  1. Unglaublich, was ihr alles erlebt. Eure Berichte sind wahnsinnig spannend.
    Wir wünschen euch weiterhin wunderschöne Reisen und Erlebnisse.
    Liebe Grüsse und viele Kussis. Eure IGISER

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